Fortsetzung:

Mit dem Tandem bis nach Singapur

Viola und Julian radeln auch zu Father Franklin

Bereits nach fünf Wochen erreichten wir mit der Türkei das zehnte Land auf unserer Reise. Nach zwei Wochen Pause in Istanbul starteten wir unsere Weiterfahrt. Allerdings mussten wir im Kontakt mit bekannten Iranern feststellen, dass eine Durchreise durch den Iran aufgrund von politischen Unruhen und einem Radfahrverbot für Frauen keine gute Idee gewesen wäre. Wir passten unsere Reiseroute daher erstmals an und gönnten uns den wunderbaren „Umweg“ entlang der türkischen Mittelmeerküste und durch das Inland bis nach Kappadokien.

Durch unsere gewonnene Zeit „dank“ des gestrichenen Irans beschlossen wir spontan, mit der Fähre noch einen Abstecher nach Zypern zu machen. Aufgrund unserer Richtungswendung in den Süden erwarteten uns hier wieder deutlich wärmere Temperaturen, reife Früchte am Straßenrand, wunderschöne Natur und erneut herzliche Gastfreundschaft. Da wir den Iran und Pakistan auslassen wollten, die arabische Halbinsel aber weiter auf unserem Plan stand, nahmen wir (etwas widerwillig) ein Flugzeug nach Dubai und starteten nach drei Tagen Großstadtwahnsinn unsere Fahrt durch die Wüste Richtung Süden um in die Hauptstadt des Omans, Maskat, zu gelangen. Obwohl wir nur gut zwei Wochen auf der arabischen Halbinsel verbrachten, wird sie uns dank wundervoller Begegnungen immer besonders in Erinnerung bleiben. Sei es die Einladung auf eine Kamelfarm inklusive Kamelreiten, die herzliche Einladung zu einer Großfamilie mit Dattelfarm und Schießübungen auf Dosen mitten in der Wüste oder die vielen anderen lieben Gesten, die uns widerfahren sind. Die Großzügigkeit und Gastfreundschaft der „Emiratis“ und „Omanis“ war überwältigend.

Buchbeschreibung

Zum Monatswechsel November/Dezember stiegen wir in Maskat, nach elend langen Visumsproblemen, in den Flieger und landeten am 31.11.2019 in Mumbai. Als wir dort den Flughafen mit frisch zusammengebautem Tandem verließen, überkam uns ein nicht vorstellbarer Kulturschock mit allen Sinnen. In unseren Ohren dröhnte ein unglaublicher Lärmpegel dominiert durch allgegenwärtiges Hupen. Wir atmeten und rochen die schwüle, stickige und stinkige Luft mit einem Geruchsspektrum von Gewürzen und frittiertem Streetfood über verbrannten Müll bis zu tierischen und menschlichen Ausscheidungen umhüllt in einer riesen Abgaswolke. Wir blickten um uns und sahen ein Gewusel aus Menschen, Tieren, brüchigen Autos, Tuktuks und Rikschas (kleine dreirädrige „Autos“), Fahrradfahrern, Rollerfahrern und Arbeitern, die aufgetürmte Lasten auf morschen Holzkarren mit aller Kraft vorwärts bewegten. Inmitten dieses Chaos waren wir mit unserem vollgeladenen Tandem stets konzentriert nicht irgendwo mit unseren Taschen hängenzubleiben, in ein Schlagloch zu fahren, jemanden umzufahren oder umgefahren zu werden. Bis zu unserem Hostel und darüber hinaus holte uns das Elend von Mumbais Straßen stetig ein. Einige Tränen und Nerven hat es uns gekostet, bis wir uns wenige Tage nach der Landung wieder auf unser Tandem begaben um diese so weltfremd erscheinende Elendsmetropole zu verlassen.

Mit dem Verlassen Mumbais begann für uns die spannende Reise durch Indien. Je weiter wir uns auf dem Weg Richtung Bangladesch von Mumbai entfernten, desto ländlicher wurde es. Gegen frühen Abend erreichten wir meist unser Tagesziel, Viola ging an den Straßenständen einkaufen und Julian wartete in der Regel umgeben und unterhalten von neugierigen Indern am Tandem. Übernachtet haben wir in Indien immer in Hotels, deren Sauberkeit zum Tragen von Schuhen im Zimmer animierte. Die Inder waren unglaublich nett und wir hatten das große Glück eine tolle Inderin in unserem Alter, Radhika, kennenzulernen und bis heute Freundschaft mit ihr zu pflegen. Trotzdem war der Alltag von Lärm, Trubel und mangelnder Privatsphäre geprägt, so dass es wortwörtlich ein echter Segen war, als wir Mitte Dezember, kurz vor Weihnachten, die christliche Oase der Pilar Fathers rund um Father Franklin erreichten.

Dort wurden wir herzlich in ihr Haus aufgenommen. Zunächst besuchten wir das naheliegende „Tribal Hostel“, in dem die kleinen Kinder bis etwa zu einem Alter von 6 Jahren untergebracht werden. Die Freude über den Besuch von Franklin und die Neugierde, wen er da mitbrachte, war den strahlenden Kindern direkt anzusehen. Voller Enthusiasmus sangen sie ein einstudiertes Lied mit kleiner Choreografie für uns. Die Stimmung war unbeschreiblich und wir waren überwältigt zu sehen, wie die Kinder einerseits munter und fröhlich tanzten und sangen, gleichzeitig aber eine vorbildliche Disziplin hatten, von der man in einigen deutschen Kindergärten und Schulen vermutlich nur träumen kann. Eine kleine Führung durch das Hostel führte uns dann nochmals vor Augen, dass es für diese Lebensfreude keinen materiellen Reichtum braucht. Denn die Kinder leben unter primitivsten Bedingungen. Zu etwa 100 Kindern schlafen sie nachts in einem kahlen Raum auf dem Fußboden, gegessen wird ebenfalls auf dem Boden. Dennoch schien es den Kindern an nichts zu fehlen, außer vielleicht der Liebe der fehlenden Eltern, die sie sich mit einer herzlichen Umarmung bei Franklin abholten. Die kommenden Tage setzten wir unsere „Kennenlerntour“ fort und nutzen die Besuche an den Schulen auch, um den Kindern von unserer Reise zu erzählen. Immer wieder aufs Neue wiederholten sich die ergreifenden Willkommensgesänge und Tänze und die ansteckenden lächelnden Kinderaugen motivierten uns Tag für Tag hier bei ihnen unser eingefahrenes Kilometergeld einzusetzen. Schlussendlich entschieden wir uns gemeinsam, den Kindern mit verschiedenen Sportgeräten eine Freude zu bereiten, denn davon besaßen sie so gut wie nichts. Geliefert wurden u. a. diverse Fuß- und Volleybälle, Cricket-Sets (Nationalsport in Indien), Springseile, Frisbees, 2.000 Schulhefte, 2.000 Bleistifte, Kugelschreiber und vieles mehr. Es war kaum zu übersehen, dass selbst ein einzelner Euro in Indien schon viel bewegen kann. Kurz nach Weihnachten und nur einen Tag, nachdem die erworbenen Materialien ankamen, machten wir uns wieder auf den Weg.

Nachdem wir mit Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus am Ganges, noch einmal „Indien pur“ erlebten und etwas gesättigt von diesem Land den Endspurt antreten wollten, wurden wir am Stadtrand von einem Auto zu dicht überholt, sodass dieses unseren Fahrradlenker beim Wiedereinscheren rammte und verriss. Julian versuchte noch gegenzusteuern, konnte jedoch nicht verhindern, dass wir in den Gegenverkehr gelangten und voller Wucht mit einem entgegenkommenden Pickup kollidierten. Seine Frontscheibe zersplitterte sofort und wir stürzten in den Scherbenhaufen. Julian merkte sofort, dass sein Schlüsselbein gebrochen war. Viola kümmerte sich am dreckigen, stinkenden Straßenrand um ihn, während ein zufällig anwesender Polizist einen Krankenwagen organisierte. Noch am selben Abend wurde Julians Schlüsselbein in einem sogenannten „Krankenhaus“, welches einer Tiefgarage mit Duschvorhängen glich, operiert. Die hygienischen Zustände waren unzumutbar und als frisch gebackene Ärzte hatten wir den Kontrast zwischen „Wie es ist“ und „Wie es sein sollte“ permanent vor Augen. Nach einer Nacht im eiskalten, brettharten Krankenhausbett bei Moskitos und Geckos entschieden wir uns, die Behandlung selbst fortzuführen und flüchteten in ein gepflegtes Hotel mit Heizung. Die folgenden Tage kümmerte sich Viola weiter um die Krankenpflege und gemeinsam erarbeiteten wir einen Plan B, denn in Indien konnten wir unter diesen Umständen und mit dem zeitnah auslaufenden Visum nicht bleiben. Da uns eine Rückreise nach Deutschland nicht richtig erschien, entschieden wir uns nach Neuseeland zu fliegen, um uns in einem westlichen Land mit funktionierendem Gesundheitssystem bei Violas Schwester zu erholen, bis eine Weiterreise möglich wäre.

Ziemlich erschöpft erreichten wir Ende Januar Neuseeland und mussten neben den Strapazen des Unfalls auch den „Kulturschock rückwärts“ erst mal verdauen. Drei Wochen hat es gedauert, bis wir dann nach Tandemreparatur und einigen Probefahrten wieder unsere Reise fortsetzen. Die Reise durch Neuseeland gestaltete sich absolut entspannt im Vergleich zu dem, was wir zusetzt hinter uns gebracht hatten. Bis uns Anfang März ein unbekannter Feind namens Corona einholte. So erreichten wir gezwungenermaßen bereits am 20.03.2020 Auckland und hofften wie so viele Touristen auf einen frühen Rückflug nach Deutschland. Elf Tage später schafften wir es auf ein Flugzeug und konnten den Rückholflügen der deutschen Regierung noch so grade entkommen.

Mittlerweile sind viele Wochen vergangen. Während wir uns hier einen komfortablen neuen Alltag aufgebaut haben, durchleben unsere Freunde in Indien die wohl schwerste Zeit ihres Lebens. Es ist für uns nach solch einer Reise und mit den persönlichen Erinnerungen, die uns mit Indien und besonders den Priestern und Kindern verbinden, kaum erträglich, guten Gewissens diesen luxuriösen Alltag anzunehmen, während in Indien den Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen wird und der Kampf um die eigene Existenz ein ganzes Land in einen Ausnahmezustand versetzt. Wir hoffen jeden Tag, dass Franklins Kinder, die im indischen Lockdown durch die verantwortungslose Regierung zurück auf die Straßen geschickt wurden, bald zurück in ihre Hostels kommen werden und sie nicht dem eskalierenden Elend zum Opfer gefallen sind.“